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Erfolgsgeschichte Khaled Al Ali

Khaled Al Ali hat seine
        neue Heimat gefunden!

„Wir haben unsere Heimat verlassen, die Entscheidung war nicht unsere. Weder war der Zeitpunkt der Reise, noch der Abschied von denen, die wir lieben, unsere freiwillige Entscheidung.

Oh meine Heimat. Trotz all dieser Zerstörung in Syrien, meiner Heimat, hast du mich bis zum letzten Atemzug in deinen Körperteilen umfasst.

Bis zum letzten Bluttropfen in einem Krieg, in dem sogar die Steine gebrannt haben. Ich habe von einer ruhmreichen Zukunft in Syrien geträumt, bis ich aus meinem Kindheitstraum erwacht bin.

Khaled al Ali

Mein Name ist Khaled Al Ali, ich komme aus Al-Hasaka, Syrien. Ich bin 29 Jahre alt. Ich lebe seit fast viereinhalb Jahren in Deutschland und beginne im Herbst mein Studium der Sozialarbeit in Köln. Aber bis hier hin war es ein sehr steiniger Weg mit vielen Problemen und Rückschlägen. Ich möchte euch meine Geschichte erzählen.

Vor 2011 hatte ich ein geregeltes Leben, meine Träume und klare Ziele. Meine Kindheit war schön, ohne Sorgen. Aber meine Eltern sagten immer zu meinen Geschwistern und später auch zu mir, dass wir nicht in der Öffentlichkeit über Politik reden sollen. Wir waren in einer Diktatur gefangen. Wir fühlten uns deshalb nicht frei. Als die Revolution 2011 begann, schien sich unser Leben zu verändern. Als die Menschen auf die Straßen gingen und gegen das Regime demonstrierten konnte ich das nicht glauben, dass dies wirklich passiert. Es war ein kleines Wunder, dass wir gemeinsam auf den Straßen für Freiheit und Veränderung protestieren. Vorher war es für uns unmöglich, wir wären vielleicht verhaftet oder sogar gefoltert worden. Ich dachte zuerst, dass die Revolution ein oder zwei Jahre dauern wird und wir dann eine erhoffte Veränderung bekommen. Demokratie, so wie in Europa! Aber schnell merkten wir Syrer, dass die Situation komplizierter ist, als wir gedacht haben. Aus den anfänglich friedlichen Demonstrationen wurde ein Krieg, den niemand erleben wollte. Drei schlimme Dinge bleiben mir leider für immer in Erinnerung. 1. Meine drei Freunde, die ich im Krieg verloren habe. 2. Jeden Tag schrien die Kinder um 6 Uhr morgens, wenn die Helikopter die Bomben über unserer Stadt abwarfen. 3. Der Abschied von meiner Mutter, als ich meine Heimat verlassen habe.

Ich habe keine Angst zu sterben. Aber ich musste mich entscheiden. Im Krieg zur Waffe greifen oder an einem neuen Ort ein neues Leben zu beginnen. Wofür und für wen sollte ich überhaupt kämpfen? Wir sind alle Syrer, lebten bis 2011 friedlich zusammen. Und jetzt bekämpfen wir uns im Krieg?! 2015 hatte ich eine schwierige Entscheidung zu treffen. Ich studierte Tiermedizin und wollte mit Diplom abschließen, um anschließend als Tierarzt zu arbeiten. Doch die Situation in Syrien hat sich zugespitzt. Gemeinsam mit meiner Familie habe ich entschieden, meine Familie, meine Freunde, meine Heimat, meine Träume und meinem Traumjob zurück zu lassen und mich auf den Weg nach Deutschland zu machen. Was ich auf meiner Reise erlebt habe? Das ist eine lange Geschichte. Viele Syrer haben auf ihrer Flucht traumatisches erlebt. Auch für mich war es eine Reise am Limit, aber ich habe die Erlebnisse gut verarbeitet. Nach 21 Tagen, unter sehr schwierigen Umständen, kam ich in Deutschland an.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, warum ich nach Deutschland wollte? Durch die Medien und die ‚Grenzöffnung‘ durch Angela Merkel war es für mich das Land, bei dem ich dachte, dass ich als „Neuankömmling“ meine Ziele am besten weiterverfolgen kann. Ich bin Deutschland sehr dankbar, was mir das Land und die Menschen gegeben haben, auch wenn es nicht immer leicht für mich war. Doch dazu komme ich später ausführlich.

Als ich nach Deutschland kam, konnte ich natürlich kein Deutsch. Mir war bewusst, dass ich ohne Sprachkenntnisse keine Struktur in meinen Alltag bekomme. Deshalb begann ich schnell die Sprache zu lernen. Ich konnte sehr früh in einer Sprachschule einen Sprachkurs mit Niveau A1 belegen und habe das Glück gehabt durch Integrationsmaßnahmen auch einige deutsche Freunde kennenzulernen, von denen ich unterstützt wurde. Das erste deutsche Zitat, was ich übrigens gelernt habe ist „Kommt Zeit kommt Rat!“.

Nach der ersten Eingewöhnung musste ich mich entscheiden, wie es für mich weitergeht. Schon nach meiner Ankunft in Deutschland habe ich mich damit befasst, ob ich weiter studieren kann. Ich musste dafür nur die Sprache lernen und das fortgeschrittene Sprachniveau C1 erreichen, damit ich an einer Hochschule die Möglichkeit bekomme zu studieren. Aber sollte ich weiter Tiermedizin studieren oder etwas Neues beginnen? Durch die Unterstützung der Menschen nach meiner Ankunft und vor allem durch die intensive Hilfe von Ramy habe ich eine Leidenschaft für Sozialarbeit entwickelt. Ich war sehr dankbar für diese Hilfe. Als ich das Sprachniveau B1 erreicht habe, lernte ich noch immer viele „Neuankömmlinge“ kennen, die Unterstützung bei Übersetzungen brauchten. Ich engagierte mich freiwillig und habe vielen Menschen bei Behördengängen geholfen, zum Beispiel bei Terminen im Jobcenter oder im Ausländeramt. Als ich meine Sprachekenntnisse weiterentwickelt habe, durfte ich auch ein Praktikum bei der Dr. Moroni Stiftung absolvieren und sogar meine eigenen sozialen Projekte durchführen. Schon in Syrien habe ich, vor meinem Tiermedizinstudium, Erfahrungen als Lehrer im Bereich der Grundschulpädagogikgesammelt. Diese wundervolle Erfahrung mit Kindern arbeiten zu dürfen hat mir schon damals großen Spaß gemacht. Und durch das Kunstprojekt „Kunterbunt“ bei der Dr. Moroni Stiftung durfte ich Kindern wieder spielerisch beibringen, mit Kunst etwas entstehen zu lassen. Die Kinder können sich mit Freude kreativ entwickeln. Für mich ist es wunderschön, wenn Kinder für ihr späteres Leben etwas Nützliches lernen. Dann bin ich zufrieden und glücklich mit meiner Arbeit. Da ich aber auch sehr gerne mit Jugendlichen und Erwachsenen arbeite und ein Jugendtreff für „Neuangekommene“ leite, habe ich mich entschieden ab Herbst 2020 Sozialarbeit an der Katholischen Hochschule in Köln zu studieren. Ich freue mich sehr auf den nächsten Abschnitt in meinem Leben.

Zu den vielen positiven Erfahrungen hier in Deutschland gehören leider auch einige negative. Ich fühle mich bis heute noch nicht so zugehörig, wie ich es mir wünschen würde. Es sind manchmal diese befremdlichen Blicke aufgrund meines Aussehens oder die Frage „Woher kommst du?“. Aber sogar im Freundeskreis habe ich das erlebt, als mich eine Freundin auf den Weihnachtsmarkt mitgenommen hat. Sie und ihre Freunde haben Glühwein getrunken, nur ich nicht, wegen meiner Religion. Ich habe da gemerkt, dass die Situation für mich unentspannt war, weil ich nicht mitgetrunken habe. Wer nicht mittrinkt, ist auf einer anderen Wellenlinie. Man gehört dann einfach nicht dazu. Auch bei interkulturellen Kochveranstaltungen habe ich viele Deutsche kennengelernt. Dann kocht man zusammen, unterhält sich und lernt sich besser kennen. Aber nur selten entstehen neue Freundschaften.

Aber auch die Bürokratie ist in Deutschland sehr anstrengend und schwierig. Ich musste nach einem abgeschlossenen Deutschkurs meistens ein paar Monate warten, bis ich den nächsten Kurs beginnen konnte. Teilweise habe ich sogar schon wieder viel vergessen, bevor der nächste Kurs anfing. Aber noch schlimmer war der ganze Papierkram, der mir Kopfschmerzen gemacht hat. Anfangs habe ich täglich mehrere Briefe bekommen, die ich nicht verstanden habe, am meisten vom Jobcenter und Ausländeramt. Außerdem bekommt man Briefe von der Krankenkasse, vom Mobilfunkanbieter, vom Stromanbieter und so weiter. Teilweise verstehen sogar Muttersprachler nicht, was die Behörden von einem wollen. Das ist ein großer Stressfaktor. Ich hatte die Motivation die Inhalte der Briefe selbst zu verstehen. Deshalb habe ich große Anstrengungen unternommen schnell Deutsch zu lernen, mit Radio hören, Filme gucken, mit Studenten in Sprachtandems Konversation üben und natürlich viel unter Menschen kommen.

Auch seinen Alltag zu bestreiten ist in Deutschland nicht wirklich einfach. Ich habe in den letzten vier Jahren schon viele Nebenjobs gemacht. Ich war im Security Bereich tätig, habe Essen mit dem Fahrrad ausgeliefert, als Eventorganisator gearbeitet.

All diese kleinen Probleme, die wie Nadelstiche sind, haben dazu geführt, dass ich 2018 in ein tiefes Loch gefallen bin und extreme Motivationsschwierigkeiten hatte. In diesem Jahr habe ich eigentlich gar nichts gemacht. Ich bin damals durch meine B2-Prüfung gefallen und habe mich sehr zurückgezogen und auch meine sozialen Kontakte stark vernachlässigt. Ich wurde sogar depressiv. Ich wusste aber, dass es so nicht weitergehen kann. Ich erkannte mich selbst nicht wieder. Ich habe mich wieder unter Menschen begeben und auch im Fitnessstudio angemeldet. Sport ist ein guter Ausgleich. Durch meine sozialen Projekte habe ich wieder neue Motivation geschöpft. Ich bin jetzt auf dem richtigen Weg. Ich habe einen tollen Nebenjob im sozialen Bereich gefunden und freue mich auf das Studium. Nichtdestotrotz war mein Weg bis hier sehr schwierig. Ich vermisse meine alte Heimat, meine Familie und Freunde. Es ist deshalb nicht so leicht gewesen, in der Fremden ein neues Leben zu beginnen, auch wenn ich hier neue Freunde kennengelernt habe und schnell Kontakte knüpfen konnte. Ich möchte mit meiner Geschichte vielen Menschen helfen und jeden motivieren an seinen Zielen festzuhalten und nicht aufzugeben!

Khaled Al Ali
Khaleds Berlinreise mit der Dr. Moroni Stiftung
Khaleds Kunstprojekt im Rahmen der Dr. Moroni Stiftung

* Khaled engagiert sich auch außerhalb der Dr. Moroni Stiftung sozial engagiert und leitet seit zwei Jahren ein Jugend-Cafe für Geflüchtete