Aleppo ist meine zweite Heimat. Im Juni 2010, vor genau zehn Jahren, hatte ich, so wie fast jedes Jahr, einen wunderbaren und unvergesslichen Sommer. Alle waren im WM-Fieber, die Cafés waren voll und an allen Balkons hingen Flaggen von Brasilien, Argentinien, Spanien, Deutschland, Holland und anderer WM-Nationen. Immer wenn Deutschland gewann haben wir einen Auto Corso gestartet und die Nacht zum Tag gemacht. Am Ende scheiterten wir im Halbfinale gegen Spanien, aber das habe ich sportlich genommen.

Foto: Der Sommer 2010 in Syrien

Tagsüber war ich mit meinen Cousins im Schwimmbad oder bei der Familie, abends in den Souks shoppen und danach in der Altstadt. Meistens waren wir danach noch in meinem Lieblings-Cafe mit Blick auf die weltberühmte Zitadelle, wo wir Bag Gammon oder Karten spielten. Es war einfach ein fantastischer Sommer. So wie jedes Jahr fiel mir der Abschied sehr schwer, die letzte Fahrt durch Aleppo zum Flughafen. Da fließen immer ein paar Tränen. Aber ich war mir sicher, dass wir uns im Sommer 2011 alle wiedersehen.

Einige Familienmitglieder habe ich danach wiedergesehen, in Schweden, Holland und auch in Deutschland, nach ihrer filmreifen Flucht mit Hilfe von Schleusern. Alle haben eins gemeinsam. Sie haben ein neues Leben beginnen müssen, alles hinter sich gelassen und mussten wieder von vorne anfangen. Ein Leben, das sie sich so nicht gewünscht haben, aber eben ein Leben in Frieden und mit Würde. Einige meiner Familienmitglieder leben immer noch in Aleppo. Sie sind dort verwurzelt und sie nehmen den Tod in Kauf. Wenn Allah es so will, dann ist es ihr Schicksal.

Das ist meine Erinnerung an meinen letzten Sommer. Es waren so viele wunderbare Sommer. Als ich ein Kind war spielten wir auf der Straße Fußball. Immer wenn ein Auto kam, sprangen wir kurz zur Seite. In Bonn hatten wir Sportplätze, das gab es da nicht. Wir waren richtige Straßenfußballer! Es war ein so unbeschwertes und friedvolles Leben.

Am kommenden Dienstag läuft im WOKI um 20.30 Uhr im Rahmen der Amnesty International Film Reihe ‚Für Sama‘ ‚. Beim Anschauen des Trailers flossen mir die Tränen. Es sind die Erinnerungen an das schöne Aleppo, die in meinem Kopf verankert sind. Aber die Bilder in der Dokumention zeigen das Leben in Aleppo während des schrecklichen Krieges.

Ich würde mich freuen, viele Menschen zu inspirieren, sich den Film am Dienstag anzuschauen. Ich werde mir den Film auch mit Syrerinnen und Syrern aus unseren Projekten anschauen. Hier der Trailer: https://youtu.be/S9eDwD9xwvw

Es gibt noch Tickets!

https://www.woki.de/detail/82999/F%C3%BCr+Sama+%28For+Sama%29+

Wer am Dienstag keine Zeit hat, aber durch den Trailer gepackt wurde, kann sich den Film auch auf youtube anschauen: https://www.youtube.com/watch?v=XZfKULIPaqw&t=424s

Ihr Ramy Azrak

Leiter der Dr. Moroni Stiftung