Erfolgsgeschichte Mohammed Alikaj

„Am Ende habe ich mich dann immer mit Scheiße verabschiedet!“

Mohammed Alikaj ist 27 Jahre jung, in Aleppo, Syrien geboren und aufgewachsen und seit 2015 in Deutschland. Mohammed studiert seit Herbst 2017 an der Katholischen Hochschule in Köln Soziale Arbeit und befindet sich in der Schlussphase. Nebenbei hat er noch zwei psychologisch-therapeutische Fortbildungen sowie eine Grundausbildung in Themenzentrierter Interaktion abgeschlossen und engagiert sich sozial. Bei der Dr. Moroni Stiftung leitete Mohammed gemeinsam mit drei weiteren jungen Syrern das Projekt „Auf Augenhöhe“. Im Interview erzählt uns Mohammed von seinem Leben in Syrien, seiner schlimmsten Zeit in der Türkei und dem Neuanfang in Deutschland. 

Mohammed Alikaj und Ramy Azrak bei einer Veranstaltung in Aachen

Ramy: Wie war dein Leben vor Beginn des „Arabischen Frühlings 2011“ in Syrien?

Mohammed: Ich hatte eine schöne Kindheit, obwohl wir von sehr klein an schwer arbeiten mussten. Ich habe viel mit meinem Bruder Fußball gespielt. Wir haben nicht nur draußen gespielt, sondern auch zuhause. Wenn wir zuhause eine Vase zerschossen haben, hat uns unsere Mutter den Ball weggenommen. Das hat uns aber nicht abgehalten weiterzuspielen. Wir haben dann einfach Socken zusammengebunden und weitergespielt. Wir haben auch alle Fußballturniere geschaut, Champions League, Weltmeisterschaft, Europameisterschaft und so weiter. Wir waren so fußballverrückt, dass wir 2010 nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft von Spanien einen Autocorso durch die Stadt gemacht haben.

In meiner Kindheit haben wir aber nicht über Politik gesprochen. 2010 war ich 16 Jahre jung, da haben wir im Freundeskreis heimlich angefangen über Politik zu sprechen. Vorher haben wir auch nicht in der Familie Politik thematisiert. Das war ein Tabu. Man hat immer gesagt „die Wände haben Ohren!“. Man durfte nichts Kritisches sagen. Das haben wir so hingenommen, weil wir es so von unseren Eltern gelernt haben. Als die Revolution 2010 in Tunesien und Ägypten begann, haben wir das über die Medien, vor allem das Internet, mitbekommen. Wir sahen, dass die Menschen auf die Straßen gingen. Dann begann 2011 die Revolution in Syrien. Was bedeutete das für uns Jugendliche? Sollen wir in der Diktatur leben und das hinnehmen, so wie unsere Eltern oder wollen wir uns friedlich, ohne Gewalt und Waffen, gegen die Diktatur auflehnen und unsere Meinung sagen?

Ramy: Wie hast Du die Revolution erlebt und was bedeutete sie für dich und deine Familie?

Mohammed: Ich habe 2011 mein Abitur gemacht und wollte „Französische Literatur“ studieren. Am Anfang war es in meiner Heimatstadt Aleppo noch ruhig. Die Lage war im Vergleich zu vielen anderen Teilen Syriens relativ stabil. Deshalb wollte ich in Aleppo studieren und hatte eine eingeschränkte Auswahl und habe mich für „Hotelmanagement und Tourismus“ entschieden. Damit waren die Prognosen auch gut, in Zukunft viel Geld verdienen zu können. Meine größte Motivation zu studieren lag aber darin, nicht zum Militärdienst eingezogen zu werden. Kurz vor dem Abschluss meines Studiums 2013 bin ich absichtlich in drei Modulen durchgefallen, damit ich mich dem Militärdienst weiterhin entziehen konnte. In dieser Zeit hat sich die Situation verändert. Der Krieg hatte auch Aleppo erreicht.

Ramy: Wann und warum hast Du dich entschlossen Syrien zu verlassen?

Mohammed: Es fiel mir richtig schwer. Syrien war meine Heimat. Wir haben viel Elend gesehen. Wir haben Bombeneinschläge gesehen, viele Gebäude die eingestürzt sind und auch im Umfeld mitbekommen, wie Menschen ihr Leben verloren haben. Aber trotzdem wollten unsere Familie und unsere Freunde in Syrien bleiben. Wir hatten die Hoffnung, dass sich die Situation bessert und der Krieg bald enden wird. Wir haben uns aber dann gemeinsam entschlossen, dass mein älterer Bruder Jamil und ich uns Ende 2013 auf den Weg in die Türkei machen. Vor allem weil es nur noch eine Frage der Zeit war, bis wir den Militärdienst antreten mussten. Deshalb sind wir nach Iskenderun, in die Türkei gegangen.

Ramy: Wie war euer Leben in der Türkei?

Mohammed: Ich bezeichne die Zeit als die schlimmste in meinem Leben. Sie war noch schlimmer als im Krieg. Ich habe mich nicht als Mensch gefühlt. Ich habe in einer Fabrik zur Herstellung von Türen gearbeitet. Mein Chef hat uns, 15 Syrer, sehr schlecht behandelt. Wir haben doppelt so viel produziert wie die einheimischen Arbeiter und die Hälfte verdient, wir haben nur nachts gearbeitet und für unsere Miete doppelt so viel bezahlt. Ich habe mich wie ein Sklave gefühlt. Ich habe auch als Jugendlicher in Syrien neben der Schule in Shoppingmalls gearbeitet und später studiert, aber so eine harte Zeit hatte ich nie in meinem Leben. Am Ende hat uns unser Chef sogar noch um unser Geld geprellt. Da haben wir nach nur 13 Monaten entschieden, entweder kehren wir in unsere Heimat Aleppo zurück und nehmen in Kauf dort zu sterben oder wir machen uns mit meiner Mutter, die inzwischen auch nachgekommen war, auf den Weg nach Deutschland.

Ramy: Anfang 2015 seid ihr dann in Richtung Deutschland geflüchtet. Erzähl uns von der Flucht.

Mohammed: Wir haben in der Türkei eine Wohnung gemietet und sie von unseren Ersparnissen und Verdiensten eingerichtet. Nach unserem Entschluss, die Türkei zu verlassen, haben wir alles verkauft. Es blieb uns also gar nichts, außer das Geld das wir hatten. Wir haben uns dann zu Fuß auf dem Weg nach Bulgarien gemacht. Wir sind durch die Wälder marschiert, haben dort ohne Zelte geschlafen und haben uns morgens dann wieder auf den Weg gemacht. Zwei Wochen durch die Natur. Meine Mutter wurde sogar von Wildhunden gebissen und wollte, dass wir sie zurücklassen. Es war psychisch eine extreme Belastung für uns. Wir haben es aber gemeinsam geschafft und nach zwei Wochen haben wir es zur bulgarischen Grenze geschafft, wo uns die Polizisten glücklicherweise einigermaßen gut behandelt haben. Von dort haben wir die Reise nach Deutschland fortgeführt und sind schließlich in Trier angekommen.

Ramy: Welche Emotionen hattest Du, als ihr in Deutschland angekommen seid?

Mohammed: Unsicherheit, Erschöpfung, aber auch Freude.

Ramy: Ihr standet nun vor großen Herausforderungen. Wie bist Du sie angegangen?

Mohammed: Schon in den ersten Tagen habe ich überlegt, wie ich die Herausforderungen bewältigen kann. Es war für mich klar, die Sprache ist das allerwichtigste. Ich hatte Englisch und Französisch in der Schule. Aber Deutsch klang so anders und ich hatte das Gefühl, dass ich diese Sprache nie lernen könnte. Ich habe es aber versucht und den Willen gehabt. Deshalb hat es dann auch funktioniert.

Ramy: Kannst Du uns von einem besonderen Erlebnis in deiner Anfangszeit in Deutschland erzählen?

Mohammed: In unserer Anfangszeit lebten wir in einem Flüchtlingsheim in Gießen. Ein Syrer, den ich dort kennengelernt habe, hat mir beigebracht zur Verabschiedung „Scheiße“ zu sagen. Ich bin also davon ausgegangen, dass ich „Tschüss“ sage. Als wir bei einem Mitarbeiter im Flüchtlingsheim ein neues Zimmer beantragt haben, war das Gespräch auf Englisch recht harmonisch. Ich wollte mich dann freundlich verabschieden und sagte „Scheiße“. Der Mitarbeiter hat dann unfreundlich und geschockt geguckt und ich dachte was für ein komischer Typ. Das ist mir dann mehrmals passiert und ich dachte immer, wieso schauen die Deutschen nach einem so netten Gespräch am Ende immer so unfreundlich.

Ramy: Musstest Du im Nachhinein lachen oder war es dir eher peinlich?

Mohammed: Beides! (Lacht)

Ramy: Habt ihr das Familienzimmer dann bekommen? Trotz der „Scheiße“!?

Mohammed: (Lacht) Ja!

Ramy: Du hast dich dann kulturell sehr schnell akklimatisiert und vor allem auch sozial engagiert. Was war deine Motivation, Menschen zu helfen?

Mohammed: Wir waren anfangs in verschiedenen Flüchtlingsheimen und schließlich in einem Dorf untergebracht. Dort haben uns viele Deutsche ehrenamtlich geholfen, sich engagiert und uns willkommen geheißen. Ende 2015 sind wir dann nach Bonn gekommen, wo unsere Familie ihre Heimat gefunden hat. In Bonn haben wir von der Katholischen Jugend Agentur Hilfe bekommen. Wir waren sehr glücklich über das Engagement, das uns entgegengebracht wurde. Deshalb habe ich mich entschieden, dass ich in Zukunft auch Menschen helfen möchte.

Ramy: Wie kam es zum Kontakt mit der Dr. Moroni Stiftung und später zum ehrenamtlichen Engagement in der Stiftung?

Mohammed: Wir haben dich 2016 über Gomaa, einen jungen Medizinstudenten aus Syrien, kennengelernt. In dieser Zeit haben wir auch sehr viele Hilfe von Dir bekommen, unter dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“. Du warst für uns immer Ansprechpartner, wir sind zur politischen Bildung auf Einladung von Katja Dörner nach Berlin gefahren, wir haben Fußballturniere gespielt und haben sehr viel unternommen. Deshalb fand ich es dann besonders schön, dass wir im Bildungszentrum der Dr. Moroni Stiftung eigenständige Hilfsprojekte durchführen konnten. Wir haben das Projekt als Unterstützung für Syrerinnen und Syrer über mehr als ein Jahr durchgeführt und konnten sehr vielen Menschen dadurch helfen.

Mohammed mit der Dr. Moroni Stiftung in Berlin

Ramy: Du studierst heute an der Katholischen Hochschule in Köln „Soziale Arbeit“ und machst sonst auch sehr viel als Referent. Bist Du zufrieden und wie geht es Dir heute?

Mohammed: Ja, ich studiere seit Herbst 2017 an der Katholischen Hochschule mit einem Stipendium der Hans Böckler Stiftung. Ich fahre in einer Woche nach Österreich, wo ich mein Praxissemester im Bereich „Internationale Jugendarbeit“ machen werde. Danach schreibe ich meine Bachelorarbeit zum Thema „Integration syrischer Flüchtlinge in das Bildungssystem in Deutschland“ und möchte danach meinen Master machen und in Zukunft im Bereich der internationalen Jugendarbeit und politischen Bildung arbeiten. Außerdem habe ich dieses Jahr meine drei Fortbildungen „Themenzentrierte Interaktion“ (3 Jahre),“ Psychologische Beratung“ (2 Jahre) und „Gestaltthearpie“ (Intensivseminar) erfolgreich abgeschlossen. Ich durfte auch schon deutschlandweit als Referent zu Rassismus, Flucht, Transkulturelle Biographiearbeit arbeiten. Ich freue mich jetzt auf Österreich und hoffe auch trotz der Coronaeinschränkungen eine gute Zeit zu verbringen.

Ramy: Du hast dich im psychologisch-therapeutischen Bereich fit gemacht. Wie gut werden Beratungsangebote angenommen?

Mohammed: Es gibt in der syrischen Community die Meinung, dass eine Therapie für verrückte Menschen ist. Ich selbst hatte genau das gleiche Vorurteil, bevor ich meine Ausbildung gemacht habe. Viele Kinder, aber auch Erwachsene haben eine posttraumatische Belastungsstörung. Wenn man eine körperliche Wunde hat, dann geht man zum Arzt. Wenn es aber die Psyche betrifft, dann braucht man keine Hilfe. Das ist aber falsch. Das ist ein Vorurteil, das in den Köpfen der Menschen verankert ist. Es braucht diese Aufklärung. Ich selbst habe auch wegen meiner Zeit in Syrien und in der Türkei mit meiner besten Freundin, die therapeutisch ausgebildet ist, gesprochen. Wir haben nur gesprochen, es wirkte nicht wie eine Therapie. Wir haben sehr viel biographisch gearbeitet. Mittlerweile arbeiten wir auch gemeinsam in dem Bereich zusammen und bieten Seminare in transkultureller Biographiearbeit an. Es hat mir sehr geholfen, mit der Zeit klarzukommen.

Ramy: Wie ergeht es anderen Syrer*innen, die Du in Deutschland kennengelernt hast?

Mohammed: Meine syrischen Freunde, die ich in meiner Zeit in Bonn kennengelernt habe, gehen alle ihren Weg. Viele Syrer*innen studieren, machen eine Ausbildung oder arbeiten. Die Herausforderung ist eher die Integration bei den älteren Menschen. Sie haben weniger Kontakt zu Deutschen als die junge Generation. Eine andere Schwierigkeit ist, die Sprache richtig zu lernen. Meine Mutter zum Beispiel hört Vokabeln, lernt sie, aber vergisst sie immer wieder.

Ramy: Ich habe letztes Jahr Angela Merkel bei einer Kaffeetafel im Schloss Bellevue zu ihrem Satz „Wir schaffen das!“ aus dem Jahr 2015 gratuliert. Wie denkst Du über ihr berühmtestes Statement?

Mohammed: Ich finde, die Regierung der Bundesrepublik Deutschland und die Bevölkerung haben die Integration von so vielen Neuankömmlingen gemeinsam gemeistert. Besonders die ehrenamtlichen Helfer*innen haben ihren Beitrag geleistet. Ich habe zum Beispiel bei „Save me e.V.“ (heute Bonner Flüchtlingsinitiative e.V.) an einem Sprachtandemprogramm teilgenommen und sehr viel Unterstützung erfahren. In Zukunft müssen wir weitere Programme mit den Menschen kreieren. Es gibt viele teure Projekte, die an den Menschen vorbei gehen. Es geht um bedarfsorientierte Programme, die eine bessere Teilhabe ermöglichen. Wir schaffen das!

Ramy: Ein schöner Schlusssatz für ein wundervolles Interview. Danke Mohammed!